Eisensteins Walküre

In den Regienotizen zu seiner Inszenierung der “Walküre” am Bolschoitheater (Premiere am 21. November 1940) deutet Eisenstein die Idee des Gesamtkunstwerks als Synthese der Einzelkünste mit dem Ziel einer Wiederherstellung der ursprünglichen Einheit der Kunst (die Notizen sind veröffentlicht in dem von der Akademie der Künste herausgegebenen Buch Eisenstein und Deutschland, Henschel Verlag 1998, S. S. 55-64). Eisenstein appliziert hier implizit den philosophischen Kerngedanken des Historischen Materialismus auf Wagners Idee des Gesamtkunstwerks. Eisensteins historisch-genetischer Spekulation zufolge, besteht eine Analogie zwischen der historischen Entwicklung der Produktionsverhältnisse und der Entwicklung der Kunst. So, wie mit dem Beginn der Arbeitsteilung der Übergang vom ursprünglichen Kommunismus der Gentilgesellschaft zu neuen Gesellschaftsformen erfolgt, so zerfällt auch die ursprüngliche Einheit der Kunst (Eisenstein sagt nicht, was wir uns darunter vorzustellen haben) im Laufe ihrer historischen Entwicklung in eine Vielzahl unverbundener Einzelkünste. Erst auf einer höheren Ebene ließe sich diese Zersplitterung überwinden und zu einer neuen Einheit der Kunst zurückfinden. Auch wenn das Wort nicht fällt, so ist doch offenkundig der wesentliche Bezugspunkt dieser Spekulation der Begriff der Entfremdung.

Eisenstein verortet sich selbst in der idealisierten Ursprünglichkeit der noch ungeteilten Einheit von Mensch, Kunst und Natur. Mit dieser rückwärtsgewandten Projektion setzt er den Zukunftsaspekt latent außer Kraft, der doch umgekehrt für Wagners Programmatik des Gesamtkunstwerks eine äußerst bedeutsame Rolle spielt. Emblematische Figur, die die Idee einer ursprünglichen Einheit verkörpert, ist für Eisenstein die Walküre. Mit ihr, bzw. mit der Epoche, die Brünnhilde seiner Auffassung nach verkörpert, identifiziert er sich: “Das ‘Zeitalter’ von Brünnhilde (nicht das von Siegfried) ist ja meine Epoche: Die Künste haben sich noch nicht auseinanderentwickelt.” Die Ring-Fabel wird von Eisenstein aufgefasst als eine Übersetzung seiner historischen Spekulationen in die Genealogie der Götter und Menschen. Den Inzest von Siegmund und Sieglinde deutet er als Ausdruck ursprünglicher Ungeteiltheit. Der Inzest rechtfertigt sich als Hinweis auf einen offenbar vor-individuellen Zustand: Die Geschwister vereinigen sich, weil sie sich weder seelisch noch körperlich als getrennt empfinden können – sie müssen sich vereinigen, weil sie nicht getrennt existieren können (und man assoziiert spontan das analoge Motiv der Transindividuation aus “Tristan und Isolde”: Tristan du, ich Isolde…).

Das “Zeitalter der Brünnhilde” wäre also ein Zeitalter, in dem Entfremdung noch nicht eingetreten ist: Die Kunst ist nicht von der Wirklichkeit geschieden – der Mensch lebt noch im Einklang mit der Natur – er ist Teil der Natur; und die Natur tritt ihm umgekehrt als beseelte entgegen: “Der Mensch ist noch nicht aus der Natur ausgegrenzt. / Nirgendwo ist der Mensch allein, alles um ihn herum ist menschlich-lebendig: eine animistische Situation und ein [animistisches] Stadium des menschlichen Daseins.”

Der Film, insbesondere im Zuge der Entwicklung von Ton- und Farbfilm, wäre Eisenstein zufolge in der Lage, eine solche neue Einheit der Kunst herzustellen. Für Eisenstein ist der Film eine folgerichtige Weiterentwicklung der Oper – und zwar einer Oper im Sinne Wagners, konzeptualisiert als gleichberechtigtes Zusammenspiel von Drama und Musik. Der Film überbietet die Oper, indem es ihm möglich ist, die Integration der einzelnen Künste auf eine neue Stufe zu heben. Auch hier steht ganz explizit der Gedanke der Einheit im Zentrum: Synthese als echte „organische“ Verschmelzung der Einzelkünste – kein bloßes “‘Konzert‘ nebeneinander bestehender, benachbarter, ‘verbundener‘, aber letzlich voneinander ‘unabhängiger Künste‘“, wie es in in der Aufsatzsammlung Film Form heißt.

Begegnet uns also im Film das Zeitalter der Brünnhilde wieder? Ist der Film Reinkarnation oder Wiedererinnerung jenes ursprünglichen Zustands der Ungeschiedenheit der Kunst – der Kunst im Zustand ihrer Nicht-Entfremdung? Ist der Film die eigentliche kommunistische Kunstform?

stv