“Zwei Farben” von Wolfgang Kaskeline

Wagners Musik lässt sich auch für Werbefilme verwenden. Ein  Beispiel ist der  dreiminütige Werbefilm für Murattis Ariston Goldzigaretten aus dem Jahr 1934 mit dem Titel “Zwei Farben”. Dieser Film entstand als Teil einer Serie von Werbefilmen, die Muratti bei den wichtigsten deutschen Experimentalfilmern in Auftrag gegeben hatte. Oskar Fischinger gestaltete für diese Werbekampagne den Film “Muratti greift ein” (1933), in welchem Zigaretten (in stop-motion-Technik animiert) als Akteure auftreten: Sie exerzieren, marschieren, bilden Türme usw. In Hans Fischerkoesens Beitrag “Schall und Rauch” formten sich aus Rauchschwaden die Figuren animierter Tänzerinnen. Fischinger hatte experimentelle Animationstechniken bereits zuvor in dem Film “Kreise” eingesetzt, ebenfalls ursprünglich als Werbefilm konzipiert (für die Firma Tolirag).

In “Zwei Farben” folgt Wolfgang Kaskeline dem von Oskar Fischinger etablierten Muster, abstrakte Formen miteinander “tanzen” zu lassen. Kaskelines Film wurde mit der von Agfa entwickelten Technik des Zweifarbenfilms produziert – einer Frühform des Farbfilms. Das Thema des Farbenpaars ist hier also auf mehreren Ebenen relevant. Es bezeichnet zum einen das technische Belichtungsverfahren, mit dem dieser Film erstellt wurde, zum anderen stehen die zwei Farben Rot und Blau thematisch im Zentrum des Films: es sind die Farben der Ariston-Gold-Zigarettendose. Die rechteckige Oberfläche der Dose war farblich entlang einer Diagonale in einen blauen und in einen roten Bereich geteilt. In der Mitte der Dose war über diesen Farbflächen das Markensiegel mit den Schriftzug “Muratti Ariston” aufgedruckt, mit einer stilisierten Krone darüber und darunter dem Schriftzug “Gold”.

Hier kommt nun Wagner ins Spiel: Kaskeline nutzte, vielleicht weil es vom Titel her naheliegend war, die Musik des Feuerzaubers aus dem letzten Akt der “Walküre” als Begleitmusik zu seinem Tanz der abstrakten Formen in Blau und Rot. Konsequenterweise beginnt der Film mit einem roten Flammenband am unteren Bildrand vor einem blauen Hintergrund. Allmählich bilden sich daraus Wellen aus Farbpunkten, die nach oben aus dem Bild schweben. Es folgen vertikale Schlangenformen und diverse gezackte Figuren, die schräg durch das Bild fliegen. Die einzelnen Formen überlagern sich und zerfallen immer wieder aufs Neue in Häufungen von roten und blauen Punkten. Zwischendurch erscheinen auch gelegentlich Flämmchen auf den Wellenlinien – das Motiv des Feuers wird mehrfach betont. Schließlich geht das Bild über in einen weißlich-blau oszillierenden Farbfächer, der sich in Form eines auf der Spitze stehenden Dreiecks öffnet und schließt. Am Ende teilt sich das Bild diagonal und die Anordnung der Farben entspricht schließlich denen auf der Ariston Gold Dose, die abschließend als Foto zu sehen ist. Der Film beschränkt sich völlig darauf, die Farben der Verpackung in Szene zu setzen und ins Gedächtnis zu rufen – auf jede zusätzliche Werbebotschaft wird verzichtet.

Unabhängig von seinem kommerziellen Hintergrund reiht sich dieser Film ein in die Vielzahl ähnlicher Experimentalfilme der 1930er Jahre, in denen versucht wurde, die visuellen Eindrücke, die bestimmte Musikstücke hervorrufen, filmtechnisch sichtbar zu machen. Musikstücke Richard Wagners tauchen in diesem Zusammenhang des öfteren auf. Als Begleitmusik zu dem bereits erwähnten Animationsfilm “Kreise” (1933) griff Oskar Fischinger unter anderem auf Wagners Tannhäuser-Ouvertüre zurück. Auch die Amerikanerin Mary Ellen Bute, die sich auf die animationstechnische Visualisierung von Musik spezialisiert hatte, hat in ihrem Film “Synchromie No.2″ (1936) ein Stück aus “Tannhäuser” verwendet – und zwar das Lied an den Abendstern. Dieses Stück war in Amerika offenbar recht populär – Chaplin hat es ursprünglich als Begleitmusik für die Hungerszene in “The Gold Rush” vorgesehen. Bute benutzte eine Art Glassieb, durch das sie Licht fallen ließ, um der Musik entsprechende optische Effekte zu erzielen. “Seeing Sound – Music, in addition to pleasing the EAR, brings something to the EYE” heißt es auf einer dem Film vorangestellten Texttafel.

Kann man sagen, dass Wagners Musik besonders geeignet ist, um für solche synästhetischen Experimente genutzt zu werden? Oder war sie einfach nur verfügbar? Bute hat neben Wagner auch Musikstücke von Bach und Schostakowich für ihre synästhetischen Experimente genutzt – eine spezifische Fixierung auf Wagner fällt nicht auf. Das von ihr gewählte Stück ist außerdem eine recht konventionelle Arie, in der, anders als etwa bei der Lohengrin-Ouvertüre oder beim Rheingoldvorspiel, kaum etwas von Wagners Fähigkeit zu spüren ist, mit seiner Musik soghafte Wirkungen hervorzurufen. Gerdae deshalb aber scheint Wagners Musik für synästhetische Experimente besonders geeignet zu sein: Die soghafte Wirkung seiner Musik scheint beim Hörer besonders intensive Sinnesreize auszulösen, vergleichbar den Visionen beim Drogenkonsum. Schon Wagners Zeitgenossen ist dies aufgefallen und Baudelaire hat diese Effekte ausführlich beschrieben. Überdies lässt sich in Wagners Ideen einer Synthese von theatralischer Darstellung und musikalischer Wirkung eine Art Vorbild für die spätere Lichtspielkunst erkennen, denn der wesentliche Reiz des Kinos beruht ja auf einer Kombination unterschiedlicher sinnlicher Erfahrungen.

Wolfgang Kaskelines Film “Zwei Farben” wird zusammen mit weiteren Beispielen für synästhetische Filmexperimente zu Wagnermusik am 26.04.2013 um 18:30 im Zeughauskino am Deutschen Historischen Museum gezeigt werden.

(Die Abbildungen sind meinen Aufzeichnungen während der Sichtung des Films im Bundesarchiv entnommen.)

stv