Unsichere Spuren: Tarkovski und Godard

Es heißt, Andrei Tarkowski habe sowohl bei Nostalghia (1983) als auch bei  Stalker (1979) in Erwägung gezogen, im Soundtrack Musik von Wagner einzusetzen. Nostalghia verbindet sich in meiner Erinnerung grundsätzlich mit der dramatischen Wirkung des Dies Irae aus Verdis Requiem. An einer anderen Stelle in Nostalghia erklingt eine Passage aus Beethovens Missa Solemnis. Beethoven ist auch in Stalker (1979) zu hören (die “Ode an die Freude”), aber ansonsten überwiegen dort sphärische Klänge – der score wurde von Eduard Artemyev komponiert. Tannhäuser hatte es Tarkovski offenbar besonders angetan, insbesondere der Pilgerchor. Parallelen zwischen den Erlösungsmystikern Tarkovski und Wagner lassen sich leicht finden. Fand aber Wagners Musik letztlich Eingang in den score zu Stalker? Die heutzutage auf DVD erhältlichen Fassungen erschweren die Recherche. Für die 5.1-Tonfassung der von Ruscico veröffentlicheten internationalen Version wurde der Ton komplett überarbeitet und dabei kam es auch zu weitreichenden Eingriffen in die Ton- und Musikspur. Wo ursprünglich keine Musik zu hören war, wurde an einzelnen Stellen Musik ergänzt. Allerdings beinhaltet diese Doppel-DVD auch eine Version des Films mit dem originalen Mono-Ton. An dieser Version wäre die Frage zu überprüfen, ob Wagnerpassagen im Film erklingen.
Selbst in dem Fall, dass sich in Stalker am Ende doch keine Wagnermusik finden lässt, ermöglicht der Hinweis auf Tannhäuser dennoch eine assoziative Verknüpfung des Films mit Ridley Scotts wenige Jahre später erschienenem Blade Runner (1982). In der berühmten Regenszene gegen Ende des Films skizziert der todgeweihte Replikant Roy Batty (Rutger Hauer) eine ominöse Endzeitvision, in der er ein “Tannhauser Gate” erwähnt: “I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain.” Hauer beansprucht, diese Sätze selbst erfunden zu haben, hat aber nie dazu Stellung genommen, woher die Tannhäuser-Assoziation stammt.
In Jean-Luc Godards Film Detektive (1985), in dem ein tolpatschiges Detektivtrio, eine korrupte Adelsfamilie und ein Profiboxer samt Entourage in einem Luxushotel aufeinandertreffen, besteht die Musikspur aus einem wilden Mix klassicher Musik. Es wirkt, als probiere der Regisseur verschiedene Klangeffekte aus. Wie zufällig setzen einzelne Musikstücke ein und ebenso abrupt brechen sie wieder ab – alles erscheint wie eine klangliche Versuchsanordnung. Im ersten Drittel des Films erklingen, neben anderen Musikstücken, mehrfach Ausschnitte aus der Rienzi-Ouvertüren. Die Titel dehnt Godard über mehr als fünfzehn Minuten aus, die Tafeln mit den Namen der Schauspieler (der “Stars”) und der Techniker, Produzenten usw. unterbrechen dabei fast wahllos die Spielzenen.  In Minute 13 nennt eine Tafel die Komponisten der zum Einsatz kommenden Filmmusik, u.a. Chopin, Schubert und eben Wagner. Über dieser Namensliste blinken nacheinander fünf Wörter auf: “BAR”, “MORT”, “HÉLAS”, “RIRE”, “BAL”. Beziehungsgeflecht.
Ein weiteres Tannhäuser-Rätsel: Im Abspann von Tim Burton’s Corpse Bride (2005) wird explizit darauf hingewiesen, dass im score Auszüge aus Wagners “Tannhäuser” verwendet worden seien. Bei Durchsicht des Filmes habe ich diese Passage jedoch nicht identifizieren können. Liegt etwa eine Verwechslung mit einem anderen klassischen Musikstück vor?

stv